NS-Verbrechen: Männerdominanz und Frauenresonanz

Lerke Gravenhorst

“Es ist noch einmal zu unterstreichen, daß die meisten der bisherigen Analysen der NS-Verbrechen sich praktisch ausschließlich mit dem Handeln von Männern beschäftigen. Die Fokussierung auf das Negativhandeln von Männern geschah in aller Regel unreflektiert. Männer so in den Mittel-punkt des Problems zu stellen, spiegelt die damalige Wirklichkeit richtig und falsch zugleich wider: richtig, weil Männer sehr viel größere Wirkungsmacht – folglich auch sehr viel größere schreckliche Wirkungsmacht – in dem Regime hatten; falsch, weil Frauen sehr wohl an allen Arten der Verbrechen, wenn auch nicht auf allen Hierarchieebenen, beteiligt waren.”

Der folgende Text ist auch veröffentlicht in: NS-Verbrechen: Männerdominanz und Frauenresonanz. In: Macht und Gesellschaft. Männer und Frauen in der NS-Zeit. Eine Perspektive für ein zukünftiges NS-Dokumentationszentrum in München. Tagungsband. München: Selbstverlag 2004 (hrsgg. von Archiv der Arbeiterbewegung u.a.), S. 24-38; er ist ebenfalls zugänglich im Internet als pdf-Datei unter: www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de/veranstaltungen [25. Juli 2007]

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Moral und Geschlecht: Die Weiterentwicklung einer Geschlechtertheorie zum Bewusstsein von NS-Vergangenheit.

Lerke Gravenhorst

“Beide Geschwister nehmen letztlich die NS-Geschichte wie die „große Geschichte“ überhaupt als Geschichte männlicher Subjekte wahr; gleichzeitig nimmt ihre Geschlechteridentität einen zentralen Platz innerhalb ihrer Identität insgesamt ein.
In der Folge ist Frau Quillet als Frau- ohne diejenige Loyalität zu dem Handlungskollektiv der Männer, die auf Zugehörigkeit zu ihm gründet – in gewisser Weise freier, losgelöster von dieser Geschichte, erkennt weniger Eigens in ihr, als es Herr Feldauer als Mann sein kann bzw. tut. Deshalb kann die Schwester auch freiere, losgelöstere, im übertragenen Sinne auch „absolutere“ Urteile fällen als ihr Bruder. Frau Quillet wird in entscheidend geringerem Maße zu nachträglicher Abwehr einer Kränkung des Selbst herausgefordert. Deshalb relativiert sie diese besondere NS-Schuld auch viel weniger; vor allem ist sie auch entscheidend offener dafür, dem eigenen Vater einen Anteil an der wesentlichen Schuld für den Nationalsozialismus zuzuschreiben. Sie ist dann aber auch der NS-Geschichte gegenüber ungebundener im Sinne von ungeschützter, ihr stärker ausgesetzt. Dem Negativum Nationalsozialismus gegenüber ist sie quasi zum Sehen und Urteilen ohne den Kontext einer Akteurin im substantiellen Sinne und dessen Einordnungs- und Relativierungsmöglichkeiten gedrängt.”

Aus: Lerke Gravenhorst, Moral und Geschlecht. Die Aneignung der NS-Erbschaft. Freiburg i.Br. 1997, S. 347-373, hier: S. 355

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