Meine Welt der Sozialwissenschaften wurde stark durch mein Diplomstudium an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main (Institut für Sozialforschung, Institut für Soziologie), mein Promotionsstudium an der University of Minnesota / USA (Social Science Department und Family Study Center) sowie durch die internationale Öffentlichkeit der feministisch sensibilisierten Frauen- und Geschlechterforschung geprägt.

Der Schwerpunkt meiner sozialwissenschaftlichen Arbeit wird seit langem von der Aufgabe bestimmt, den mir sehr plausibel erscheinenden Sachverhalt eines kausalen Zusammenhanges von Geschlecht und NS-Verbrechen aufzuklären. Die Frauen- und Geschlechterforschung hat immer wieder gezeigt, welche große Bedeutung die soziale Struktur “Geschlecht” nicht nur für die unmittelbaren Beziehungen zwischen Menschen, sondern gerade auch für die Gestaltung von Gesellschaft und Staat insgesamt hat (siehe z.B. Teresa Kulawik / Birgit Sauer [Hg.]: Der halbierte Staat. Frankfurt am Main / New York 1996; Eva Kreisky / Birgit Sauer: Das geheime Glossar der Politikwissenschaft. Frankfurt am Main / New York 1997; Birgit Sauer: Die Asche des Souveräns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte. Frankfurt am Main / New York 2001). Die NS-Verbrechen waren Verbrechen des NS-Staates, zu deren Zustandekommen große Teile der Bevölkerung direkt oder indirekt beigetragen haben. Ich halte es deshalb auch für unverzichtbar, dass eine prinzipielle Geschlechterperspektive in den begrifflich-theoretischen Rahmen eingebracht wird, wenn es darum geht, tragfähige Erklärungen für das Zustandekommen der NS-Verbrechen zu entwickeln.

Es ist noch nicht lange her, dass Saul Friedländer, einer der bedeutendsten Erforscher des Holocaust, geschrieben hat, dass wirklich triftige Antworten auf die Fragen nach dem Grund für das mörderische Handeln unter dem NS-Regime, die über Annahmen über das prinzipielle Potential zum Bösen in der „Natur des Menschen“ hinausgehen, immer noch ausstehen:

„Die Sache wird um so komplizierter, je weiter die historische Forschung voranschreitet. Nachdem wir erfahren haben, dass die Täter (…) nicht ausschließlich aus ideologisch verblendeten Einheiten der SS kamen,(…) oder dass viele (…) Beamte nüchtern vorrechneten, wie viele Millionen Menschen umzubringen seien, um ein optimales Verhältnis zwischen Bevölkerung und Versorgung herzustellen, oder wie blindlings manche der begabtesten Vertreter der geistigen Elite die radikalsten ideologischen Lehren des Nationalsozialismus(…) anwendeten, rücken überzeugende Antworten in immer weitere Ferne. Alle diese mörderischen Anwandlungen oder ideologischen Verblendungen schlummern offenbar in der Natur des Menschen.

Viel konkreter ist für uns indes die Frage nach dem gesellschaftlichen oder ideologischen Umfeld, das solche Verhaltensweisen entfesselt, solche Entscheidungen überhaupt möglich macht. Und in dieser spezifischeren Hinsicht sind wir heute auch nicht viel weiter als vor fünfzig Jahren.“ (Saul Friedländer: Vorwort zu “Kitsch und Tod”. In: Ders.: Nachdenken über den Holocaust. München 2007 (1999), S. 46-55, hier: S. 48-49)

Das handlungsbestimmende gesellschaftliche und ideologische Umfeld, von dem Friedländer hier spricht, enthält nach meiner Ansicht auch Geschlechterstrukturen von großer Tragweite für die Entstehung und Ausformung der NS-Verbrechen. Männer und Frauen entwickeln sich innerhalb von historisch spezifischen und sich verändernden biosozialen Handlungsfeldern zu Mitgliedern von Geschlechtergruppen, die in vielen Hinsichten gleich, aber in vielen Hinsichten auch unterschiedlich agieren. Ich habe mich seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre dafür engagiert, dass die sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit sich eben auch auf die Geschlechterstrukturen in NS-Staat und -Gesellschaft samt ihrer Verbrechen richteten. Ebenso habe ich daran gearbeitet, diese Geschlechterstrukturen in den Auseinandersetzungen über das NS-Regime und seine Schrecken nachzuweisen.

  • Vor allem habe ich mich an den Anstrengungen innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung beteiligt, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, wie relevant eine ausdrückliche Geschlechterperspektive in den Analysen zum Zustandekommen der NS-Verbrechen ist. (Siehe z.B. Lerke Gravenhorst / Carmen Tatschmurat [Hg.]: TöchterFragen. NS-FrauenGeschichte. Freiburg i. Br. 1995 [1990].)
  • Mit anderen habe ich daran gearbeitet, in diesem inhaltlichen Zusammenhang empirisch triftige, feministisch angeregte Deutungen und Theorien zu finden oder zu entwickeln. Meine Erkenntnisse verdichte ich heute zu dieser These: Die NS- Verbrechen sind das Ergebnis einer historisch spezifischen asymmetrischen Lebens- und Handlungsgemeinschaft der Geschlechter, in der die Gruppe der Männer besonders dominant und d.h. auch besonders gefährdet war, sich am Ausdenken und Zustandekommen der Verbrechen zu beteiligen. (Siehe z.B. Lerke Gravenhorst: NS-Verbrechen: Männerdominanz und Frauenresonanz. In: Macht und Gesellschaft. Männer und Frauen in der NS-Zeit. Eine Perspektive für ein zukünftiges NS-Dokumentationszentrum in München. Tagungsband 2004 [hgg. von Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V. u.a.], auch im Internet abzurufen unter:
    www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de/veranstaltungen.)
  • In einer empirisch-qualitativen Studie habe ich die Geschlechterstrukturen analysiert, die sich bei NS-Nachgeborenen in ihrem Nachdenken über das NS-Regime zeigen. Die Studie zu Söhnen und Töchtern NS-engagierter Eltern hat sehr deutlich gemacht, welch großes Gewicht in diesem inhaltlichen Zusammenhang die Geschlechterzugehörigkeit hat. Sie hat aufgezeigt, dass die Geschlechterzugehörigkeit auf dem Wege der Geschlechtergebundenheit des Selbstverständnisses als Handelnde im deutschen Geschichtsmilieu ihre Wirkung entfaltet. (Siehe Lerke Gravenhorst: Moral und Geschlecht. Die Aneignung der NS-Erbschaft. Freiburg i.Br. 1997.)
  • Die Geschichtsschreibung zu den NS-Verbrechen, die große öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, beschränkt in aller Regel die Personen, die als entscheidend für das Zustandekommen der NS-Verbrechen angesehen werden, auf Männer – allerdings geschieht dieses in der Regel unreflektiert. Ich möchte mit meinen Veröffentlichungen darauf hinwirken, dass diese besondere Nichtbennenung der Begrenzung des als relevant betrachteten Personenkreises ein Ende hat. Ich plädiere dafür, dass die versteckte, nicht thematisierte Begrenzung aufgehoben wird. An ihre Stelle sollte eine explizite Theorie zu einer historisch spezifischen maskulinitätskulturellen Verankerung desjenigen ns-staatlichen Handelns treten, das als besonders verbrechensrelevant angesehen wird. (Siehe z.B. Lerke Gravenhorst: NS-Verbrechen und asymmetrische Geschlechterdifferenz. Eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Analysen zur NS-Täterschaft. In: Elke Frietsch, / Christina Herkommer, [Hg], Nationalsozialismus und Geschlecht. Berlin: 2008 [im Druck].)

Ich verstehe meine Arbeit auch zukünftig als Beitrag zu einer solchen sozialwissenschaftlichen Analyse der Strukturen und Prozesse, durch die die NS-Verbrechen zustandegekommen sind, die die Perspektiven auf die beiden Geschlechter integriert. Ich bin überzeugt davon, daß die Beobachtungen zu den hier relevanten gesellschaftlichen Gruppen der Frauen nicht nur einfach dem vorhandenen Wissen über Männer im NS-Regime hinzu addiert werden sollten. Für das Zustandekommen der Verbrechen war ohne Zweifel eine gewisse Geschlechtergemeinschaft des Denkens und Handelns eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung nötig. Aber diese Gemeinschaft in der Negativität unterlag, so drängt es sich mir auf, gleichzeitig massiven Einschränkungen: Männer und Frauen besaßen außerordentlich ungleiche Möglichkeiten, die staatlichen und großkollektiven Instanzen, in denen die Verbrechen erdacht und umgesetzt wurden, unmittelbar zu gestalten. Zukünftige Analysen zum Zustandekommen der NS-Verbrechen müssten diese Doppelheit in der Zuordnung der Geschlechter zum NS-Regime zugrunde legen: dass es sich um eine Geschlechtergemeinschaft gehandelt hat – aber gleichzeitig um eine asymmetrische Gemeinschaft, in der Männer besonders dominierten und deshalb besonders gefährdet waren, sich an der Verbrechenspolitik und an den konkreten Verbrechen zu beteiligen. Auf alle Fälle wird es mein Interesse bleiben, die Bereiche der Austauschbarkeit von Männern und Frauen in dieser historischen Phase des besonderen Schreckens abzustecken und gleichzeitig für die großen Asymmetrien innerhalb der Geschlechtergemeinschaft im Zusammenhang mit dem konkreten Aufkommen und Durchsetzen der NS-Verbrechen aufmerksam zu bleiben.